Technicolor: a) Feld, b) Fläche
Marburger Kunstverein, Marburg
2014

  • installation view: Technicolor: a) Feld, b) Fläche
    photos. Stephan Klonk

Technicolor: a) Feld, b) Fläche
December 19, 2014 – February 8, 2015
Marburger Kunstverein, Marburg

Unter dem Titel »Technicolor: a) Feld, b) Fläche« hat Madeleine Boschan eine Installation aus acht Plastiken erarbeitet, die zusammen erstmals im Dezember 2014 vorgestellt worden sind. In dieser neuen Werkreihe konzentriert und formuliert sie ihr bildnerisches Grundvokabular (Stehen, Lagern, Ragen, Lehnen, Wölben sowie Ausdehnung, Zusammenzug, Farbe, Form, Maß und Positionierung). In einer umsichtig vorbereiteten Kehre wendet sie sich entschieden vom Linear-Gestalthaften ihrer bisherigen Arbeit rein plastischen Flächenkörpern zu. Die acht plastischen Körper befinden sich in phänomenal höchst unterschiedlichen und elementaren Zuständen frei im Raum, erscheinen jeweils einzeln für sich und sind doch fortwährend aufeinander bezogen.
Wie schon der Ausstellungstitel anzeigt, wird dies ausdrücklich durch das mehrschichtige, additiv / subtraktive Herstellungsverfahren für Farbfilme »Technicolor« zusammengehalten. Unablösbar hat Madeleine Boschan dessen Grundfarben (Rot, Blau, Grün, Gelb, Magenta, Cyan + Schwarz und Weiß) ihren Formen inkorporiert. Die Farbe ist den Plastiken damit nicht bloß angehängt oder appliziert, vielmehr bringt die spezifische Farbigkeit die ihr spezifische Form hervor. Sie ist selbst unmittelbare Farbform und Teil des plastischen Vollzugs. »Technicolor«, seit den 1950er Jahren farbiger Horizont sowohl für individuelle Melodramen als für überpersönliche Großhistorien, eröffnet als Rahmen ein weit gestimmtes Feld von Sentiment und Monument. Diesen grundlegenden Wechselbezug von innerer und äußerer Erfahrung erschließt Boschan aus der Beschäftigung mit dem amerikanischen Dichter Frank O’Hara (1926–1966), dessen Dichtung sich auf ganz ähnliche Weise zwischen Alltagsbeobachtung und subjektivem Empfinden hält.
Darüber hinaus hat sie in einzelne Plastiken kleine Vitrinen eingelassen, in denen sich markante Bestandteile aus ihrem Werk der vergangenen Jahre befinden: Neonlichter, Jalousien, Apparaturen und Gerätschaften zum Messen von Echtzeit, Real- Raum oder Lokaltemperatur. Diese Beigaben tragen ihre eigene Herkunft aus dem Werkprozess in die aktuellen Plastiken. Konfrontieren sie doch durch die subtile display-Dimension der eigenen Selbstausstellung den derzeitigen Stand mit der eigenen Herkunft – sich selbst mit sich selbst, einst und jetzt. Durch ihre ausgestellte Farbigkeit, ihre anstößig spielerische Erscheinung, ihre asymmetrische Anordnung widersetzen sich Boschans Plastiken spürbar dem rigiden Koordinatensystem des dunklen Fußbodenrasters in der gegebenen Raumsituation. Und gerade inmitten der drastischen Einfachheit der Setzungen und Gegensetzungen, inmitten dieser ›überlebensgroßen Größen‹ sind wir Betrachter umso stärker gefordert, aktiv unseren eigene Ort zu finden und ihn in Bezug auf die uns entgegenstehenden Plastiken sowie den umgebenen Raum zu behaupten.

Text: Christian Malycha